Good morning, wonderful world

Ich wünsche dir, dass deine kommende Woche zahllose funkelnde Perlen für dich bereit hält. D.h. ich bin sicher, dass sie das tut. Daher wünsche ich dir die Offenheit und die innere Bereitschaft, diesen Perlen zu begegnen, ihnen gewahr zu werden. Möge die Langsamkeit deinen Weg bereichern.


May your new week hold countless sparkling pearls ready for you. In fact, I know it does. Therefore I wish you the openness and the inner readyness to become aware of those pearls. May the slowlyness be an enrichment for your path.

Yours truly


Energy vector



Unterwegs in der Stadt, das Leben pulsiert und beamt an uns vorbei. Langsamkeit ist ein Privileg und bietet Reichtum in den Details. Schnelligkeit hingegen beraubt mich jeglichen Details und bietet einzig noch Energie-Linien. Abgekapselt, in einem “Wormhole”, ziehn die Welt an mir vorbei… Ein typisches Beispiel, warum scharfe Bilder manchmal nicht das Mittel der Wahl sein können. Wie stellt man eine Geschwindigkeit, die mich der Details beraubt und mich doch mit der Umwelt in Verbindung hält dar? Wie nähere ich mich der Intensität der Erfahrung in dieser “fliegenden Kapsel”?

Scott McCloud (“Understanding Comics“, eine exzellente Lektüre) hat zu Speedlines ganz ausgezeichnete Hintergrundinformation aufbereitet. Auch sonst empfiehlt sich das Studium seiner Bücher, da er zum Thema “Story telling” wunderbare Ansätze aufzeigt. Nach Wikipedia:

In den Hintergründen kommen aber auch „Speed Lines“ und ähnliche expressionistische Mittel zum Einsatz, die hohe Geschwindigkeit oder starke Gefühle darstellen. Sie werden in Manga häufiger als in Anime verwendet. Während z. B. in westlichen Comics die Speed Lines häufig von einem sich bewegenden Objekt ausgehen, wie bei einer still stehenden Kamera, an der etwas schnell vorbeizieht, bleibt in Manga der Fokus oft auf dem Objekt, und die Speed Lines gehen von der Umgebung aus, wie bei einer sich mitbewegenden Kamera. Auf diese Weise wird eine größere Dynamik vermittelt Die nicht linearen Speedlines in diesem Bild verhelfen der Szene m.E. zu einem grossen Tempo, einer signifikanten Dramatik.

Sehr gerne lese ich, wie das Bild auf DICH wirkt.


English abstract:
On the road in the city, life is pulsating and passes by like a beam of noise and light. Slowness is a privilege for it provides a wealth of details. On the contrary, speed does away with details and reduces everything to pure lines of energy. How does one capture this intense experience of feeling encapsulated while beaming through the world photographically?

Scott McCloud (“Understanding Comics“, provides a excellent reading regarding speedlines as a mean of symbolizing or visualizing speed. Also, his books about sequential art is a highly recommendable lecture for anyone interested in story telling.

Two kinds of speed lines / motion lines can be applied: one that emerges/extends form the object, and another one where the object is in focus and the speed lines extend from the surrounding rather than from the central object. This shot here uses the second kind of speed line and therefore remembers me much more of a Manga.

I’d be very happy to read, how you perceive this picture.

Yours truly


Beyond the thing



“Da erkennt man nicht was es ist”. “Da is ja nix scharf”. “Das könnte ja jeder fotografieren!”.
Häufig werden angesichts dieses Bildes solche oder ähnliche Gedanken und Kommentare durch den Kopf der Betrachter gehen. Vor allem, wenn sie selber fotografieren. Ja, ja und ja, kann ich dazu sagen. Ja, da erkennt man kein Objekt – das Foto dokumentiert kein Ding. Ja, da ist nichts scharf und das ist gewollt so. Ja, das kann jeder machen und das ist doch gut so.

Ich fotografiere nicht kompetitiv, um besser als andere zu sein, sondern weil ich auf der Suche bin. Ich suche eine Welt jenseits der banalisierenden Etikette. Die Welt verstehe ich nicht als fixer Zustand, der sich durch möglichst viel Schärfe im Bild objektivieren lässt. Vielmehr verstehe ich die Welt als Prozess, als Interaktion zwischen Dingen. Nachts um zehn Uhr in einer fremden Stadt, begegne ich einer Szene die mich gefangen nimmt, die mich emotional berührt. Ich fühle mich hin gezogen, eingeladen Teil zu haben an einem Fest vibrierender Augenblicke, getüncht in dramatische Farbakkorde. Das Ding dahinter ist komplet belanglos. Es ist der Moment, die Begegnung, die Stimmung, das bei mir ausgelöste Gefühl, von einer zauberhaften Szene jenseits des Objekthaften begrüsst zu werden. Ob das nun eine Tankstelle ist oder der Eingang zu einem Bordell, ob es aber doch nur eine Aldi-Filiale ist oder eine Polizeistation… der Blick hinter das Objekt ermöglicht erst den Zugang zu einem Moment.

Unser Hirn ist trainiert darauf, Dinge zu erkennen, zu kategorisieren und dann zu vergessen, zu bekämpfen oder haben zu wollen. Dabei geht so viel Wundersames verloren. Die Beschreibung “Tankstelle” oder “Aldi-Filiale” ist nur eine Maske, eine Hülle die dem Kürzestbetrachter etwas Banales vorgibt. Lasse ich diese Beschreibung weg, so nähere ich mich quasi der Innenwelt des Dings. Das Objekt verliert an Bedeutung, dafür tritt sein innerer Zauber auf. Es ist wie mit dem verliebt sein: man erhält Zugang zu einem Wesen jenseits der Hülle.

Diesen Innenwelten bin ich auf der Spur, immer wieder, immer anders und überall. In der Folge werde ich hier noch ein paar andere Bilder aus dieser Suche zeigen.

Für alle diejenigen, die sich durch so “unscharfes Zeugs” provoziert fühlen sei versichert: ich kann auch scharf. Und es kommen auch mal wieder “richtige Bilder”. 😉

Für alle anderen: viel Spass beim Blick hinter das Ding.


English abstract:
“Can’t identify nothing here”. “Dude, nothing is in focus!”. “Enyone could take this photograph”. Many viewers of this kind of pictures will probably think alike, especially if they are photographers themself. Well, yes, yes and yes. Yes, there is no object clearly identifiable in this shot: The photo does not want to document any objects. Yes, there is nothing sharp in this shot and I did so deliberately. Yes, anyone can take this kind of photographs and I think this is sweet.

I’m not competing with my photography, I am searching. Im searching for a world beyond the label that we so quickly glue to identifiable objects. I don’t understand the world as a state that can be objectively documented just by means of excellent sharpness. I understand the world as a process, a interaction between things. In the middle of the night, being captivated by light, color and meaningless form, the question what it was is of no importance to me. Only the quality of the attraction is what I am interested in. Who cares if this is a walmart store, a brothel or a gas station… it is the momentum of perpetual attraction.

It’s similar to trying to look behind a mask. It’s not the surface that I am interested in here. It’s the quality behind the mask. This kind of photography is like falling in love: I begin to see qualities that lie well beyond the surface.

Yours truly


Jeder Regentropfen ist ein Kuss vom Himmel



(click > zoom)


Sich wundern. Wunder erkennen, wenn sie vor der Nase geschehen. “Jeder Regentropfen ist ein Kuss vom Himmel” – ein Zitat von Friedensreich Hundertwasser. Einem Kind zuschauen, von einem Kind lernen, alltägliche Wunder nicht wegen der Alltäglichkeit zu ignorieren, sondern wegen dem Wunder zu geniessen, das ist eine sich lohnende Kunst.

Den Regen beobachten, da sein, nur für den Regen da sein. Welcher Reichtum für die Sinne. Falls du den Post “Brunnenaugen” noch nicht gelesen hast, dann empfehle ich dir die Lektüre unbedingt.


 

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Brunnenaugen

Bubbles

(click > zoom)


I begegnete vor kurzem einem Holzbrunnen in Guggisberg. Genau genommen bin ich ihm schon dutzend Male begegnet, doch diesmal war es etwas anders…

In dem Brunnen gurgelt das klare Quellwasser Tag und Nacht wie ein kleiner Chor von lustvoll spielerisch angeregten Kleinkindern. Das macht der Brunnen so konsequent, dass er darob rasch mal vergessen geht. Dinge die stes da sind, Tag und Nacht uns begleiten gehen vergessen. Es scheint, als ob sie aus unserem Alltag verschwinden, unsichtbar werden.

Unser Hirn kann nicht jede Information verarbeiten, die das sensorische System (die Rezeptoren) von der Aussenwelt aufnimmt und
dem Hirn anliefert. Daher muss das Hirn Prioritäten bei der Verarbeitung setzen. Dinge die keine oder eine sehr geringe Priorität erhalten, gehen “verloren”, werden nicht bewusst wahr genommen. Gerade Dinge die unser Hirn ganz rasch in eine Schublade legen kann, laufen in Gefahr ignoriert zu werden. Einmal identifiziert fallen sie dem mentalen Ignorier-Filter zum Opfer. Erst wenn etwas sich ändert, wenn der Brunnen gestohlen, oder morgens plötzlich rosarot da stehen würde, dann erhielt er wieder genügend Aufmerksamkeit. Das ist auch gut so. Es ist eine physiologisch wichtige und sehr hilfreiche Sache.

Wir können mit diesem Mechanismus der Priorisierung von bewusster Wahrnehmung gut leben und müssen auch nichts übersehen. Wir sind nicht gezwungen, Dinge zu ignorieren. Es ist immer eine Frage des Kontextes, welche Prioritäten unser Hirn setzt. Wenn wir also den Kontext während der Beobachtung ändern, so wird auch die Priorität geändert und plötzlich sehen wir viel mehr.

In The Good Eye, der Lernplattform für kreative Fotografie, habe ich eine entsprechende Übung formuliert. Ich habe sie die “Was-Noch”-Übung genannt und sie ist völlig einfach aber äusserst wirkungsvoll: Ganz grob gesagt nimmt man sich ein “Ding” das einem ausreichend banal vorkommt. Etwas, das sich schon nach Bruchteilen einer Sekunde klar Identifizieren lässt. Dann stellt man sich die Frage “was sehe ich noch, ausser dass es ein XY ist?”. Und diese Frage wiederholt man vielleicht zehn, zwanzig oder auch hundert Mal. Ich garantiere dir, es gibt auch nach 100 Iterationen noch Details zu sehen, die in den 99 vorherigen Betrachtungszyklen nicht auftauchten.

Mit dieser Erfahrung im mentalen Rucksack wird sofort klarer, dass die Welt deutlich reichhaltiger ist, als unser Hirn das in einem Durchgang erfassen kann. Das Leben wird reichhaltiger, bunter, spannender, frischer, überraschender, befriedigender und noch viel mehr. Versuchs doch mal…

In dem besagten Brunnen entdeckte ich an diesem Tag unzählige Bläschen. Die Sonnenstrahlen und der Schatten der Brunnenwand tauchten die Bläschen in ein Spannungsfeld des Lichtes und die Farben verführen zu wilden Assoziationen. So schön, so spannend kann ein Brunnen sein, den man so einfach ignorieren könnte… 😉

have a good day.
Roland