Breiter als das Licht
Manchmal liegt die Wahrheit im Schatten

Der Kapitän hatte das Meer hinter sich gelassen. Oder vielleicht hatte das Meer ihn zurückgelassen. So genau wusste er das nicht.
Die Dschunke liegt einen Steinwurf entfernt am Strand. Dort, wo Kies und Tang ineinander übergehen und das Wasser bei Flut noch einmal nach ihr greifen konnte. Von hier aus ist sie nicht zu sehen. Vielleicht ist das gut so.
Die Stürme auf offener See in den letzten Wochen hatten ihre Spuren hinterlassen. Salz in den Rissen seiner Hände. Eine Müdigkeit tief in den Schultern. Und diese seltsame Wachsamkeit, die selbst jetzt noch in ihm sass wie ein Tier, das jederzeit aufspringen könnte.
Als würde der nächste Schlag nur einen Augenblick auf sich warten lassen.
Aber das Meer schwieg.
Vor ihm liegt nur die schmale Landzunge, die sich zwischen Himmel und Wasser hinausschiebt. Das Licht des frühen Morgens gleitet über die flachen Wasserflächen und sammelt sich in kleinen Vertiefungen zwischen den Kieseln. Weiter draussen liegt die See ruhig da, als hätte sie nie etwas anderes getan.
Der Kapitän bleibt stehen. Lange genug, dass das Tosen der vergangenen Wochen langsam vom Rauschen der Wellen aufgeleckt werden. Lange genug, dass seine Schultern sich daran erinnern, wie es sich anfühlt, kein Gewicht tragen zu müssen. Lange genug, dass die Welt wieder größer wird.
Während des Sturms war sie immer kleiner geworden. Hatte sich verengt auf Windrichtungen, auf drohende Wolken, auf das Knarren von Holz und die Frage, wie lange etwas noch standhalten konnte. Jetzt aber kehrten die Dinge zurück, die dort draussen keine Rolle gespielt hatten.
Die Weite. Die Farben.
Die Bewegung des Lichts auf dem Wasser.
Der Geruch von Tang und feuchtem Stein.
Eine Möwe, die irgendwo über ihm kreiste.
Es ist, als würde die Welt ihn vorsichtig daran erinnern, dass sie mehr ist als Verlust.
Er atmet tief ein.
Die Luft ist kühl.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit scheint sie bis an jene Orte in ihm zu gelangen, die während des Sturms verschlossen geblieben waren.
Vielleicht ist es genau das, was ihn so erschöpfte. Dieses ständige Sichstemmen gegen etwas, das sich nie hatte aufhalten lassen.
Das Überleben ist der eigentliche Sieg im Kampf mit dem Sturm.
Nun war das vorbei. Weder gelöst noch geheilt. Nur vorbei. Endlich.
Er blickt hinaus auf das Meer und spürt, wie sich die Verhärtungen in ihm lösten, wie die Takelage, wenn der Wind abflaut. Sein Blick wandert zurück über den Kies, über die flachen Wasserflächen und tanzende Spiegelungen. Zu seinen Füssen ein Schatten, der breiter schien, als er sein sollte.
Der Kapitän betrachtet den seltsamen Schatten. Der Duft gerösteter Mandeln scheint für einen Augenblick zwischen Wind und Salz aufzutauchen. ”Ach, Salzflüsterin… zart wie die Blütenblätter einer Pfingstrose…” brummt er in sich hinein und spürt, wie etwas in ihm nachgibt. Wie knochentrockene Erde wenn endlich Regen fällt. Willig. Bereit. Tropfen aus der Quelle, getrunken wie Worte aus einem Land ohne Zäune von Scham und Urteil. Worte, bei denen er nie wusste, ob er gerade dachte oder bebte.
Mit geschlossenen Augen, als Echo der erfüllenden Empfindungen leise seufzend, hört er das Meer rauschen. Fühlt den Wind über das Gesicht streicheln und geniesst das Geküsstsein vom sich ruhig der Nacht zuwendenden Sonnenlicht.
Und irgendwo zwischen Atemzug und Herzschlag bemerkt er, dass nichts davon mit dem Sturm untergegangen war. Die Fähigkeit zu staunen. Die Bereitschaft, sich berühren zu lassen.
Diese seinen Seebärenkern benetzende Lebendigkeit. Diese Lust, Schönheit nicht nur zu betrachten, sondern sich von ihr verändern zu lassen.
Er hebt den Blick.
„Ich stehe auf dem, was wir waren.
Alleine mit dem was ich nun bin.“
Der breiter gewordene Schatten.
Und weit draussen, beinahe verborgen im Dunst, zeichnet sich die Silhouette einer kleinen Insel ab.
Der Kapitän atmet tief ein.
Und lässt den Blick einfach dort draußen ruhen.
(8. Teil der Serie “WiederWerden“)
Wider Than the Light
The treasure the storm could not tear from me.
The captain had left the sea behind. Or perhaps the sea had left him behind. He couldn’t quite tell.
The junk lay a stone’s throw away upon the shore, where shingle and seaweed mingled, and the tide could still reach for her one last time. From here, she was out of sight. Perhaps that was for the best.
The storms of the past weeks upon the open sea had left their mark. Salt in the cracks of his hands.
A weariness buried deep in his shoulders. And that lingering vigilance still crouched within him like an animal poised to spring. As though the next undoing were only a moment away.
But the sea was silent.
Before him lay only the narrow spit of land reaching out between sea and sky. The light of early morning drifted across the shallow pools and gathered in small hollows between the pebbles. Farther out, the sea lay calm, as though it had never done anything else.
The captain stood still. Long enough for the roar of the past weeks to be slowly licked away by the sound of the waves. Long enough for his shoulders to remember the relief of having nothing to bear. Long enough for the world to open up again.
During the storm it had shrunk and narrowed, reduced to wind directions and threatening clouds, to the groan of timber and the question of how much longer anything could endure.
But now, the world was giving things back to him.
The vastness. The colors.
The play of light upon the water.
The scent of kelp and wet stone.
A gull circling somewhere overhead.
It was as though the world were gently reminding him that it was more than loss.
He takes a deep breath.
The air is cool.
And for the first time in a long while, it seemed to reach those places within him that had remained closed throughout the storm. Perhaps that was what had exhausted him most. That endless bracing against something that could never truly be stopped.
Survival is the true victory in any struggle with a storm.
Now it was over. Not resolved. Not healed. Only over. At last.
He gazed out across the sea and felt the knots within him begin to loosen, like rigging when the wind dies away.
His attention drifted back across the shingle, the shallow pools, and their dancing reflections. At his feet, a shadow. Broader than it seemed it should be. And his attention settled on the curious shadow.
For a fleeting moment, the scent of roasted almonds seemed to emerge between wind and salt. “Ah, Salt-Whisperer… delicate as the petals of a peony…” he rumbled to himself and felt something within him give way. Like parched earth when rain finally falls. Yielding. Receptive. Drops from the spring, drunk as words are drunk when they come from a land beyond shame and judgment. Words and drops that set him adrift between thought and trembling.
With his eyes closed, he let out a quiet sigh and listened to the sea. He felt the wind caress his face and savored being kissed by the gentle sunlight of a day quietly yielding to night.
And somewhere between breath and heartbeat, he noticed that none of it had been lost to the storm. The ability to wonder. The willingness to remain open. That vitality seeping into the old sea-bear’s heart. That longing not merely to behold beauty, but to be changed by it.
He lifted his gaze.
“I stand upon what we were.
Alone with what I have become.”
That oddly broad shadow.
And far beyond, almost hidden in the haze, the silhouette of a small island took shape.
The captain took a deep breath.
And simply let his gaze rest out there.
(8th episode of the series “BecomingAgain“)
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