Die Zeit, in der wir verschwinden
Was versinkende Sandschlösser mit unserem innersten Kern zu tun haben.

Abends, am Strand von Biarritz. Ein Kind baut eine Sandburg, als gäbe es jenseits dieses kleinen Stücks Strand gerade nichts, das wichtiger sein könnte. Es gestaltet nicht für die Menschen, die vorbeigehen. Es will niemandem etwas beweisen. Es ist einfach da, vollkommen hingegeben an das, was unter seinen Händen entsteht.
Dann ruft eine Stimme: „Komm, wir müssen gehen – es ist Essenszeit!“
Das Kind hebt den Kopf. Sein Gesicht erschrickt, als wäre es nicht nur aus einem Spiel, sondern aus einer anderen Wirklichkeit zurückgerufen worden. Die Augen werden gross. Für einen Moment scheint es nicht zu verstehen, was geschehen ist. Dann laufen Tränen über sein Gesicht, und der Wind trägt mir seine Worte zu:
Warum geht die Zeit immer so schnell vorbei?
Das Kind geht essen und ich gehe weiter.
Aber die Frage bleibt mit mir.
Sie läuft neben mir her, im Rhythmus meiner Schritte und im Rauschen der Wellen, und weckt eine mir vertraute Einsicht: Leidenschaftliches Wirken lässt die Zeit verschwinden. Und ich frage mich:
Wann vergeht meine erwachsene Zeit zu schnell?
Beim Schreiben, beim Fotografieren, in einem Gespräch, das unter der Oberfläche mäandriert, beim Denken, wenn sich eine Frage immer weiter öffnet. Ja, auch beim Entdecken, wenn etwas, das seit Jahren vor mir lag, zum ersten Mal wirklich sichtbar wird. Und beim Lieben, denke ich mit einem warmen Lächeln. Beim Lieben ganz besonders.
Während ich diesen Momenten nachgehe, bemerke ich, dass die Sonne bereits beginnt, im Meer zu versinken. Offenbar lässt auch das Gehen am Meer die Zeit schneller vergehen.
Die Sonne färbt mit ihrer Glut den Himmel von innen. Ich sehe dieses ungebändigte Strahlen, dieses Leuchten aus der eigenen Mitte, ohne Zustimmung zu benötigen, ohne sich vergewissern zu müssen, ob die Welt zurückleuchtet.
Für einen Augenblick scheint sie mir wie ein Bild gewordener Ausdruck von Leidenschaft: eine Kraft, die nicht zuerst nach Wirkung fragt, sondern ihrem eigenen Kern folgt – und gerade dadurch die Welt um sich herum verwandelt.
Während die Wellen unaufhörlich rauschen, entwickelt sich in mir der Dialog.
Leidenschaft kann ein Leben verändern. Sie kann Ordnungen infrage stellen, Prioritäten verschieben, Zeit und Kraft einfordern. Sie kann Beziehungen, Sicherheiten und jene Selbstbilder berühren, in denen wir uns gemütlich oder verängstigt eingerichtet haben.
Darf ich meiner Leidenschaft trauen?
Führt sie mich näher zu mir oder macht sie mich blind für alles andere?
Was tut sie mit meinem Leben, wenn ich sie zulasse?
Die Sonne versinkt nun im Meer und ich erinnere mich an Menschen, die am Ende ihres Lebens standen. Menschen, für die das Erlöschen nicht mehr nur ein Bild am Horizont war, sondern eine Sicherheit mit fühlbarer Nähe. In ihren Erzählungen veränderte sich die Klarheit darüber, was wichtig und was unwichtig gewesen war. Vieles, das ein Leben lang gross erschienen war, wurde klein. Anderes, lange zurückgehalten oder unterschätzt, bekam plötzlich Gewicht.
Ich erinnere mich an Aussagen, die gerade zu diesen meinen Fragen jetzt Resonanz erzeugen:
Ich bereue nicht, dass ich mich dem hingegeben habe, was mich ergriff. Ich bereue, was ich aus Angst nicht an mich herangelassen habe.
Am Ende zählen vor allem auch jene Augenblicke, in denen Leidenschaft mein Herz schneller schlagen liess.
Ich hätte früher auf meinen eigenen Kern hören und jener Leidenschaft mehr Raum geben sollen, die ich immer kannte, aber nicht zulassen konnte.
Dann ist die Sonne verschwunden. Das Meer liegt dunkel und ruhig vor mir, und irgendwo hinter mir wird eine Sandburg vermutlich bald von der Flut eingeholt.
Vielleicht ist das eines der Geheimnisse der Leidenschaft: Sie macht mein Leben nicht länger. Sie schützt weder Sonnen noch Sandburgen vor dem Verschwinden.
Aber sie lässt mich für eine Weile ganz und wirklich in mein Leben eintauchen.
The Time We Disappear Into
What sinking sandcastles have to do with who we are at heart.
Evening on the beach in Biarritz. A child is building a sandcastle as though, beyond this small patch of sand, nothing else could possibly matter. The child is not shaping it for the people passing by. There is nothing to prove. The child is simply there, completely absorbed in what is taking form beneath their hands.
Then a voice calls across the beach: “Come on — we have to go. Dinner time!”
The child lifts their head. A look of shock crosses their face, as if they have been summoned back not simply from play, but from another world entirely. Their eyes grow wide. For a moment, they seem not to understand what has happened. Then tears begin to run down their face, and the wind carries their words to me:
Why does time always disappear so fast?
The child goes to dinner, and I walk on.
But the question stays with me.
It keeps pace beside me, carried by my footsteps and the ceaseless hush of the waves, stirring a truth I know well: in the grip of passionate work, time slips away. And I find myself wondering:
When does time slip away too quickly in my grown-up life?
When I am writing, taking photographs, in a conversation that meanders beneath the surface, or thinking, when a question keeps opening into something larger. And yes, while discovering—when something that has lain before me for years suddenly becomes visible for the first time. And while loving, I think, with a warm smile. While loving most of all.
As I follow these thoughts, I notice that the sun has already begun to sink into the sea. Apparently, walking by the ocean makes time pass more quickly too.
The sun stains the sky from within with its fire. I watch that unbridled radiance, that light pouring from its own centre, asking no permission, never pausing to see whether the world will answer with light of its own.
For a moment, it becomes passion made visible: a force that does not begin by asking what it will change, but stays true to its own centre – and by doing so, changes the world around it.
As the waves keep rolling in, an inner dialogue begins to unfold.
Passion can alter the course of a life. It can unsettle the structures we rely on, reorder our priorities, and claim our time and strength. It can reach into our relationships, our sense of safety, and the versions of ourselves in which we have made a home, out of comfort, or out of fear.
Can I trust my passion?
Does it lead me deeper into myself, or blind me to everything beyond it?
What might it make of my life, if I let it in?
The sun is now sinking into the sea, and I remember people who were nearing the end of their lives. People for whom fading away was no longer merely an image on the horizon, but a certainty drawing close enough to be felt. In the way they spoke about their lives, the distinction between what had mattered and what had not became clearer. Much of what had seemed important for a lifetime grew small. Other things, long held back or underestimated, suddenly gained weight.
I remember words that now resonate with the questions I am asking:
I do not regret giving myself to what took hold of me. I regret what fear made me keep outside my life.
In the end, what matters most includes the moments when passion quickened my heart.
I should have listened sooner to the deepest part of myself, and made room for the passion I had always known was there, but had never allowed myself to live.
Then the sun is gone. The sea lies dark and quiet before me, and somewhere behind me the tide is already making its way toward a sandcastle.
Perhaps this is one of passion’s secrets: it does not lengthen my life. It cannot keep suns or sandcastles from vanishing.
But for a while, it lets me sink wholly and truly into my own life.
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