Die schaukelnde Last
Von der Kunst, als Hafenmeister nicht jedes Tau zu werfen

Da draussen liegen sie und schaukeln leise,
Schatten auf dem Wasser, Silhouetten im Dunst,
gestaltgewordene Erwartungen an die Offenheit meines Hafens.
Sie dümpeln da in Scharen, als hätten sie meine Empfänglichkeit
längst in ihre Karten eingetragen.
Sie tragen Güter und Geheimnisse, verschlossene Kisten,
verschnürte Bündel, Dinge,
die erst in meinen Hallen ihr wahres Gesicht zeigen.
Vielleicht habe ich zu lange geglaubt,
ein guter Hafen müsse jedes Schiff aufnehmen,
müsse die Kräne bewegen, auch wenn die Seile reissen,
lächeln, während unter der Last
die ersten Balken brechen.
Also warf ich die Taue, zog die Schiffe heran,
zurrte sie fest und löschte ihre Ladung,
gehorsam einem Pflichtgefühl,
das sich als Verantwortung ausgab.
Manches kam mit Schleifen und freundlichen Worten,
als wäre es ein Geschenk, und erwies sich erst später
als etwas, das niemals für mich bestimmt gewesen war.
Kisten voller Erwartungen, Säcke voller Schuld.
Und manches wurde in Nacht und Nebel abgeladen,
als wäre mein Schweigen Zustimmung,
in einer Zeit, in der ich noch nicht einmal ahnte,
dass ich die Tore meines Hafens auch schliessen darf.
Nun wandert mein Blick über die Quais,
über Kräne, Taue und Lagerhallen,
über all das, was sich dort stapelt,
was Wege versperrt und Licht verschluckt,
als hätte es einen Anspruch darauf.
Ich gehe zwischen den Kisten hindurch,
kratze an verblichenen Etiketten und frage:
Was davon ist wirklich meines?
Was habe ich selbst bestellt,
was aus freiem Willen angenommen,
was bewusst an meine Ufer gebeten?
Und während ich durch die überfüllten Hallen gehe,
erwacht eine Einsicht:
Nicht jede Fracht, die vor meinem Hafen liegt,
wird durch ihre blosse Ankunft zu meiner Verantwortung.
Nicht jedes Tau, das meine Hände halten könnten,
muss von ihnen auch geworfen werden.
Werfen ist eine Entscheidung,
und Nichtwerfen ist es ebenso.
Ich bin nicht nur Hafen.
Ich bin auch der Hafenmeister,
der die Tore bewacht,
und Ankunft nicht länger mit Anspruch verwechselt.
Also steige ich hinauf auf den Leuchtturm,
stelle mich in den Wind und rufe dem einlaufenden Pott zu:
Ich sehe dich.
Ich sehe, wie tief du im Wasser liegst,
wie schwer deine Fracht sein muss
und wie lange du vielleicht schon nach einem Hafen suchst.
Doch ich bin nicht dein Ziel,
nur weil du mich erreicht hast.
Es gibt einen Hafen für dich,
einen, der für deine Fracht bereit ist,
der die richtigen Kräne und die richtigen Hände für sie hat.
Doch hier kannst du nicht anlegen.
Es ist eine Form von Zuwendung und Liebe,
Schiffe nicht an einem Ort löschen zu lassen,
der die Fracht nur stapeln,
aber niemals verwandeln kann.
Mit jedem Schiff, dem ich die Einfahrt verweigere,
weil seine Fracht nicht zu mir gehört,
hole ich für meinen Hafen Raum zurück.
Raum für das, was hier nicht bloss abgeladen,
sondern aufgenommen, genährt
und verwandelt werden kann.
Mein Nein ist kein Verrat an meiner Offenheit.
Es ist die Voraussetzung für ein wahrhaftiges Ja.
Und dann stehe ich am Quai,
in den Händen die Seile,
bereit.
The Swaying Burden
On the Art of Being a Harbourmaster—and Not Casting Every Line
Out there they lie, rocking softly,
shadows on the water, silhouettes in the haze—
expectations given shape, each laying claim to the openness of my harbour.
They drift there in droves, as though they had long since plotted
my openness onto their charts.
They carry cargo and secrets, sealed crates,
bundles lashed tight, things
whose true shape emerges only inside my warehouses.
Perhaps for too long I believed
that a good harbour must take in every ship,
must set its cranes in motion even as the ropes begin to snap,
smile while, beneath the weight,
the first beams splinter.
So I cast the lines, brought the ships alongside,
moored them and unloaded their cargo,
obedient to a sense of duty
wearing the face of responsibility.
Some arrived tied with ribbons and kind words,
dressed as gifts, only to reveal themselves later
as things never meant for me:
crates of expectation, sacks of guilt.
And some were unloaded under cover of darkness,
as though my silence were consent,
in a time when I had not yet understood
that I was allowed to close the gates of my harbour.
Now my gaze moves across the quays,
over cranes, ropes and warehouses,
over everything piled there,
blocking the way and swallowing the light,
as though whatever it blocked or darkened were simply its due..
I walk between the crates,
pick at their faded labels and ask:
What here is truly mine?
What did I order,
what did I accept of my own free will,
what did I knowingly invite to my shores?
And as I move through the burdened halls,
a truth begins to take shape:
Not all cargo waiting outside my harbour
becomes mine to answer for merely by arriving.
Not every line within my hands’ reach
is mine to cast.
Casting the line is a choice.
Keeping it coiled is one too.
I am not only the harbour.
I am also its harbourmaster,
the one who guards the gates
and no longer mistakes arrival for entitlement.
So I climb the lighthouse,
stand against the wind and call to the vessel coming in:
I see you.
I see how low you sit in the water,
how heavy your cargo must be,
how long you may have been searching for a harbour.
But I am not your destination
just because you have reached me.
There is a harbour for you,
one prepared for the cargo you carry,
with the right cranes and the right hands to take it in.
But you cannot dock here.
There is care in this, and love:
not to let a ship unload its cargo
where it can only be stacked,
never transformed.
With every ship I refuse entry
because its cargo is not mine to receive,
I reclaim space within my harbour.
Space for what will not merely be unloaded here,
but received, nourished,
and transformed.
My no is not a betrayal of my openness.
It is what makes a wholehearted yes possible.
And then I stand on the quay,
the lines in my hands,
ready.
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