Schwanengesang
Vom gemeinsamen Bewohnen einer Wirklichkeit

Der Tag hatte mich längst verschluckt, und niemand bemerkte mein Verschwinden. Zwischen Stimmen, Schritten, Nachrichten und der rastlosen Mechanik des Alltags bewegte ich mich vorwärts, ohne wirklich irgendwo anzukommen.
Mein Blick streifte eine Pfingstrose und blieb an ihr hängen, als hätte sie nach mir gegriffen. Augenblicklich verlor die Welt ihre Schwere. Geräusche sanken in die Ferne, Konturen zerflossen, selbst die Zeit schien den Atem anzuhalten.
In den Blütenblättern begann sich etwas zu regen: erst nur eine leise Ahnung, eine Linie aus Licht, dann der sanft geschwungene Hals, die stille Anmut, das grazile Gleiten eines Schwans. Und mitten im Lärm der Welt fiel ich lautlos aus der Zeit.
Ich wusste, dieser Schwan würde auch dich hineinziehen. Dass zwischen uns wieder einer jener wertvollen Augenblicke entstehen könnte, in denen du und ich plötzlich gemeinsam in derselben Verzauberung stehen.
Genau dort begann zwischen uns etwas, das sich nie ganz benennen liess, ohne dabei einen Teil seines Zaubers zu verlieren. Zwischen uns entstand eine Nähe von schier verschwenderischer Fülle — wir konnten gemeinsam in Schönheit versinken, in Berührungen, im Geschmack, in Bildern, in jener tiefen Sinnlichkeit, in der die Welt um uns herum ihren festen Rand verlor. Aus einer Blüte wurde ein Schwan. Aus einem flüchtigen Moment eine Wirklichkeit, die zwischen uns existierte und in der wir gemeinsam atmeten.
Vielleicht begann unsere tiefste Nähe dort, weil wir beide der Welt erlaubten, uns zu verwandeln. In diesem Aufgehobensein, das uns immer dann umfing, wenn wir uns gemeinsam ins Staunen und Entdecken fallen liessen.
…
So schwamm dieser Schwan zwischen uns.
Weiss. Lautlos. Voller Grazie.
Für eine lange, erfüllende Zeit.
Und während wir gemeinsam sein Dasein genossen,
legte sich langsam etwas Liedhaftes in seine Schönheit.
Manche Klänge sind so schön, dass man erst viel später erkennt,
warum sie einen traurig machten.
…
Bis an diesem Tag, als wir zusammen zum Ufer hin zogen und den Schwan auf dem Trockenen liegend fanden. Als hätte der See ihn irgendwann einfach dorthin zurückgetragen, erschöpft vom langen Schwimmen zwischen uns.
Ich weiss noch, wie ich zuerst auf seinen Hals blickte. Auf diese vertraute Biegung aus Weiss und Licht. Und wie mein Inneres sich weigerte zu verstehen, was meine Augen längst sahen. Wir standen eine Weile neben ihm.
Ich sprach mit ihm, als könnten Worte einen Körper zurückrufen. Strich über seinen Hals und versuchte noch immer zu glauben, dass Wärme, Nähe und Zuwendung genügen könnten, um ihn bei uns zu halten.
Und ich spürte plötzlich diese seltsame Stille in dir.
Nicht die weiche Stille unseres gemeinsamen Staunens. Nicht jene warme Sprachlosigkeit, die zwischen uns entstand, wenn Worte zu klein wurden für das, was wir gemeinsam erlebten. Es war eine andere, ferne Stille.
Ich wollte glauben, dass man einen Schwan am Leben halten kann, wenn man ihn nur genug behütet.
„Vielleicht…“, sagtest du. Und dann warst du weg.
Und ich blieb zurück. Neben dem Schwan. Neben seinem schweren Atem. Neben seinem leisen Gesang, den ich noch immer für Lebendigkeit hielt.
Die Nacht wurde kalt.
Der See schwieg.
Mit dem ersten Morgenlicht sahen meine Augen den gestorbenen Schwan.
Er und ich, alleine am Strand.
Ohne Vielleicht.
Das Weiss seines Gefieders schimmerte friedlich im kalten Licht des frühen Tages, und gerade das machte es schwer erträglich. Nichts an ihm wirkte plötzlich zerstört. Nur diese endgültige Stille, die jedem Körper irgendwann die Zukunft nimmt.
Ich sass lange neben ihm.
Und während der See still vor mir lag, begann etwas in mir langsam zu begreifen, was mein Herz die ganze Nacht nicht hatte verstehen wollen.
Der Gesang war ein Schwanengesang gewesen.
Nicht erst am Ende.
Schon lange davor.
Vielleicht hattest du ihn längst anders gehört als ich. Vielleicht hatte sich sein Klang in dir schon verändert, während ich noch glaubte, wir würden gemeinsam derselben Schönheit lauschen.
Und plötzlich fiel die Vergangenheit in sich zusammen wie eine Landschaft, die man zu lange nur aus einer einzigen Richtung betrachtet hatte.
Wer Bedeutung erschaffen kann, kann erleben, wie Bedeutung rückwirkend zerfällt.
Dass ich nicht mehr sicher weiss, wann wir zuletzt wirklich gleichzeitig dieselbe Welt bewohnten,
wann der Schwan noch unser Schwan gewesen war – ein Schmerz, der sich nicht zähmen lässt.
Der Schwan ist tot.
Und mitten in der Trauer wächst die Gewissheit in mir, dass ich die Fähigkeit zum Staunen nicht gemeinsam mit dem Schwan begraben darf. Denn wenn auch die Fähigkeit vergeht, Schönheit zu erkennen, dann hätte dieser Tod am Ende mehr zerstört als nur das, was zwischen uns war.
Vielleicht war das, was du und ich gemeinsam bewohnten,
zu wertvoll, um einfach zu enden.
Wohl deshalb schreibe ich überhaupt noch.
Und vielleicht ist WiederWerden nichts anderes,
als Schönheit weiterhin wahrnehmen zu können,
nachdem ihre Gegenseitigkeit verstummt ist.
Heute habe ich wieder einen Schwan gesehen.
Nicht zwischen uns.
Draussen irgendwo auf offenem Wasser.

…
(6. Teil der Serie “WiederWerden“)
Swansong
On sharing a reality
The day had long since swallowed me, and nobody noticed my disappearance. Between voices, footsteps, messages, and the ceaseless mechanics of the everyday,
I kept moving forward without ever truly arriving anywhere.
My gaze brushed across a peony and held there, as though the flower itself had quietly called for me. Instantly, the world lost its weight. Sounds drifted into the distance, contours dissolved, even time itself seemed to hold its breath.
Within the petals, something began to emerge: at first only the faintest suggestion, a line of light, then the softly curved neck, the quiet grace, the gliding elegance of a swan. And there, in the midst of the noise of the world, I silently fell out of time.
I knew this swan would draw you in as well. That between us, one of those precious moments might return — moments in which you and I would suddenly be held by the same enchantment.
Somewhere within that, something began between us that could never quite be named without losing part of its magic. Between us grew a closeness of endless abundance — we could lose ourselves together in beauty, in touch, in taste, in images, in that deep sensuality where the world around us slowly opened beyond itself. A flower became a swan. From a fleeting moment, a reality arose between us, and within it we breathed together.
Perhaps our deepest closeness began there, because both of us allowed the world to transform us. Began in that feeling of being held whenever we allowed ourselves to drift together into wonder and discovery.
…
And this swan lived between us.
White. Silent. Full of grace.
For a long stretch of deeply lived time.
And while we gave ourselves over to its presence, something faintly songlike began to weave itself into its beauty.
Some sounds are so beautiful that only much later do we realise the sorrow they had always carried.
…
Until the day we walked together toward the shore and found the swan lying on dry land. As though the lake had one day simply carried him back there, exhausted from the long swimming between us.
I still remember how my eyes fell first upon his neck. To that familiar curve made of white and light. And how something inside me refused to understand what my eyes had already seen. We stood beside him for a while.
I spoke to him as though words alone might keep him from slipping away. My hand moved gently along his neck and still tried to believe that warmth, closeness, and tenderness might be enough to keep him with us.
And then I felt that strange stillness within you.
Not the embracing stillness that used to settle between us in moments of shared wondering. Not that tender wordlessness that arose whenever words could no longer hold what we were living together. It was a different stillness. A distant one.
I wanted to believe that our swan could be kept alive if only I held on to it with enough care.
“Maybe…,” you said. And then you were gone.
And I remained behind. Beside the swan. With his fading breath. With his quiet song, which I still mistook for life.
The night turned cold.
The lake fell silent.
With the first light of morning, my eyes saw the dead swan.
Just him and me, alone at the shore.
Without “maybe.”
There was still something untouched in the white of his feathers in the cold light of early morning, and that was what made it unbearable. Nothing about him bore any trace of harm. Only that final stillness from which no future ever returns.
I sat beside him for a long time. And while the lake lay still before me, something inside me slowly began to understand what my heart had refused to accept throughout the night.
The song had been a swan song.
Not only at the end.
Long before it.
Perhaps it had already begun to resonate differently within you. Perhaps something different in you had already begun to answer its song, while I still believed we were hearing the same beauty within it.
And suddenly the past collapsed into itself like a landscape seen for too long from only a single perspective.
Whoever can create meaning can also witness meaning come undone in retrospect.
That I no longer know with certainty when we had last truly inhabited the same world, when the swan was still ours — a pain that refuses to soften.
The swan is dead.
And somewhere within my grief, a certainty slowly begins to gather: that I must not bury my capacity for wonder together with the swan. For if the ability to recognize beauty were also to vanish, then in the end this death would have destroyed more than only what once lived between us.
Perhaps the world that opened between you and me was too precious simply to come to an end.
That is why I keep writing at all.
And perhaps becoming again is
being able to perceive beauty,
even after the shared life within it has fallen silent.
Today I saw a swan again.
Not between us.
Out somewhere on open water.

…
(6th episode of the series “BecomingAgain“)
…
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