Der Untergang der Dschunke
Über das Leuchten, das Verblassen und frische Farbe

Der Hafen liegt still im warmen Abendlicht. Wasser rollt in langsamen, schweren Atemzügen gegen hölzerne Rümpfe. Fender quietschen leise an feuchten Planken. Irgendwo klirrt Metall gegen einen Mast.
Die rote Dschunke bewegt sich kaum. Nur ein langsames Heben und Senken, als würde sie im dunkler werdenden Wasser schlafen. Auf dem Lack liegt noch die Wärme des Tages.
Der Dschunkenkapitän lehnt an der Reling. Sein Blick ruht für einmal nicht über dem Horizont — sondern auf der roten Bordwand. Auf dem Wasser darunter. Auf den Spiegelungen, die langsam über den Lack gleiten.
Dünne Linien aus Licht, vom Wasser gebrochen. Sie wandern über das Rot der Bordwand, verschwinden im nächsten Wellengang und tauchen an anderer Stelle wieder auf. Der Blick folgt einer der Linien. Eine zweite gerät in ihre Nähe. Für einen Moment laufen beide parallel. Dann kreuzen sie sich.
Ein heller Punkt entsteht. Für einen Augenblick. Dann treiben die Linien wieder auseinander. Neue Spuren tauchen auf. Weitere Kreuzungen. Kleine Verdichtungen aus Licht. Das Wasser bewegt die Bänder gegeneinander, miteinander, umeinander herum. In den Berührungspunkten übermütig funkelnde Lichtblüten.
Der Blick bleibt an einer dieser Schönheiten hängen.
Warmer Sand zwischen den Zehen.
Ein Lichtband schwingt einen weichen Bogen. Spielerisch. Fast kichernd. Das andere nimmt die Bewegung auf. Beide gleiten ineinander, als hätten sie längst gewusst, wohin sie gehören.
Wieder ein heller Knotenpunkt. Lippen, die sich finden. Atem an Hals. Salz auf Haut, die nach Sonne riecht. Der Horizont noch hinter selbstvergessen geschlossenen Lidern spürbar.
Die Linien tanzen und verschränken sich. Lichtblüten.
Ein Mund landet auf einem Gedanken. Ein Satz öffnet den Körper.
Stunden verlieren ihre Ränder.
Nächte vergessen die Zeit.
Seebär und Salzflüsterin.
Zwischen ihnen entsteht etwas, das draussen keinen Namen trägt.
Der Nacken legt sich in die Hand. Ein Wort, das landet wie ein Mund.
Die Linien kreuzen sich endlos. Mal heller. Dichter.
Dann wieder weich. Wieder ruhig.
Das Meer trägt alles geduldig weiter. Schaukelt unter ihnen.
Der Tanz pulsiert warm unter der Haut des Seebären.
Mit dem nächsten Augenaufschlag:
Nichts davon ist mehr hier.
Die Welt hat dem Tanz zwischen ihnen das Licht gestohlen.
Die Bordwand ist leer.
Abgeschabtes Rot.
Nur Wasser unter dem Rumpf.
Der Seebär an der Reling. Seine Hände umfassen das Holz,
als hielten sie noch Körper.
Der Hafen still.
Die Zeit hängt an den Planken.
Auf der Wange eine feuchte Spur.
Nichts kommt zurück.
Dann löst sich eine Hand von der Reling. Die andere folgt.
Der Dschunkenkapitän richtet sich langsam auf, atmet ein und hält die Luft einen Moment fest, als müsste der Körper erst wieder lernen, sich zu bewegen.
Dumpfe Schritte über das Holz. Unter Deck der enge Geruch von Schiffsbauch, Tauwerk und Werkzeug. Zwischen Kisten und alten Leinen sucht seine Hand durch das Halbdunkel.
Ein Eimer.
Rot.
Auf Deck zurück, den Pinsel in der Hand. Der erste Strich wirkt fremd.
Zu hell. Zu neu. Dann folgt der nächste.
Langsam verschwindet das alte, vom lebendigen Tanz mattierte Rot
unter frischer Farbe.
Nicht hastig. Nicht wütend.
Konzentriert und mit wehmütiger Zärtlichkeit.
Eine ganze dunkle Nacht lang.
Mit dem Morgenlicht greift der Wind wieder in die Takelage.
Der Anker hebt sich rasselnd und schwer aus dem Wasser. Holz ächzt.
Die Dschunke setzt sich langsam in Bewegung.
Der Hafen beginnt zurückzugleiten.
Niemand schaut zurück.
(5. Teil der Serie “WiederWerden“)
The Eclipse of the Red Junk
On the Glowing, the Fading and Fresh Paint
The harbor rests quietly in the warmth of the evening light. Water laps in slow, weighty breaths against timber hulls. Fenders creak softly against damp planks. Somewhere, metal clinks against a mast.
The red junk barely moves. Only a slow rising and falling, as if asleep in the darkening water. The lacquer still carries the warmth of the day.
The captain of the junk leans against the rail. For once, his gaze rests not beyond the horizon, but on the red painted hull. On the water beneath it. On the reflections gliding slowly across the lacquer.
Thin ribbons of light, broken by the water. They move across the red hull, vanish with the passing swell, and emerge again farther along. His eyes follow one of the lines. Another draws near. For a moment, they move side by side. Then they intersect
A bright bloom appears. Just for an instant. Then the lines drift apart again. New ribbons appear. More moments of contact. Brief convergences of light. The water moves them against one another, with one another, around one another. Wherever they meet, blossoms of light glitter with sudden exuberance.
His gaze lingers on one of these blossoms.
Warm sand between his toes.
One ribbon of light swings into a soft arc. Playful. Almost giggling. The other follows the movement. Both glide into one another, as though they had always known where they belonged.
Another bright knot of light. Lips finding each other. Warm breath lapping along the neck. Salt on skin that smells of sun. Even behind self-forgetfully closed eyes, the horizon remains.
The ribbons dance and intertwine. Sparkling blossoms of light. A mouth settling onto a thought. A sentence opens the gate of the skin.
Hours dissolve at the edges.
Nights slip free of time.
Her Sea bear. His Saltwhisperer.
What’s between them, the world has no name for.
The nape yields into the hand. A word landing like a mouth.
The ribbons cross endlessly. At times brighter. Denser.
Then soft again. Quiet again.
The sea carries everything patiently onward. Breathing beneath them.
The dance pulses warm beneath the Sea bear’s skin.
With the next blink,
all of it is gone.
The world has stolen the light from the dance between them.
The hull lies stripped bare.
Scoured red.
Beneath the hull, nothing but water.
The captain at the rail.
His hands around the wood as though they still held a body.
The harbor mute.
Time caught in the planks.
A damp trace on his cheek.
Nothing returns.
Then one hand lets go. After a moment, the other.
The junk captain slowly gathers himself, draws a breath, and holds it for a moment, as though the body had to learn how to move again.
Dull footsteps across the wood. Below deck, the closed smell of ship’s belly, rope, and tools. Between crates and old lines, his hand searches through the half-dark.
A bucket.
Red.
Back on deck, the brush in his hand. The first stroke feels foreign. Too bright. Too new. Then comes the next.
Slowly, the old red — burnished dull by the living dance — disappears beneath fresh paint. Not hurried. Not angry. Focused. And touched with wistful tenderness.
For one long dark night.
With the morning light, the wind finds the rigging again. The anchor rises from the water with a rattling heaviness. Wood groans.
The red junk begins to move.
The harbor starts to drift away.
No one looks back.
(Part 5 of the BecominAgain series)
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