Die Farben im Weiss
Ich wollte den Tag beginnen. Stattdessen begann etwas anderes.

Der Morgen steht noch tastend im Raum, als hätte er sich selbst noch nicht ganz entschieden. Die Last des Gestern drängt von hinten, das Morgen zerrt von vorn, und irgendwo dazwischen strecke ich meine Hand aus, um den Vorhang aufzureissen. Bereit, das Gestern abzustreifen und mich ins Heute zu werfen.
Und genau jetzt lehnt sich der kleine träumende Rebell in mir auf. Er schert sich um keine Agenda. Er legt sich quer. Trotz? Faulheit? Verweigerung?
Nein – spielerische Neugier und unschuldige Freude an den Details, die gerade in diesem Moment an meinen Fingerspitzen kitzeln.
Und mit dem Zögern gewinnt der Stoff Tiefe, das Licht Gewicht. Farben, die zwischen den Namen liegen. Eine Textur, die ich spüre, ohne zu berühren. Der Reichtum des Moments entfaltet sich.
Was eben noch nur Vorhang war, wird zu einer Landschaft aus Wellen und Licht, zu einer lebenden Oberfläche in der sich feine Abstufungen von Weiß, Grau und einem kaum greifbaren Blau verlieren und wiederfinden, als würden sie aus demselben Atemzug entstehen. Und plötzlich scheint dieser Stoff nicht mehr einfach etwas zu sein, das zwischen mir und dem Tag hängt, sondern genau der Ort, an dem sich alles berührt, was ich so hastig voneinander trennen wollte.
Hier, in dieser scheinbaren Zwischenzone, ist weder das Gestern noch das Morgen. Und es wird mir bewusst, dass es nicht mehr braucht, als diesen einen Moment des rebellischen Verweilens, um aus dem unbemerkten Drängen ein bemerktes Dasein werden zu lassen.
Und in diesem Dasein erwacht die Klarheit, dass dieser Reichtum nicht aufbewahrt werden kann, dass er weder Ziel noch Versprechen ist, sondern nur an dieser feinen Schwelle aufleuchtet, an der sich Gestern und Morgen, Innen und Außen für einen Augenblick berühren.
Wenn ich den Vorhang einfach aufgerissen hätte, hätte ich den Tag gesehen, gewiss — aber diesen Moment, diese stille Verschiebung, dieses unerwartete Aufleuchten im Unscheinbaren, wäre mir entgangen.
Wenn dies der letzte Morgen wäre — wie viel Gewicht hätte dann genau dieser Augenblick gehabt?
The Colors in White
I wanted to start the day. Instead, something else began.
The morning still lingers hesitantly in the room, as though it has not yet fully decided to become itself. The weight of yesterday presses from behind, tomorrow pulls from ahead, and somewhere between the two I reach out my hand to tear the curtain open — ready to abandon what has been and rush headlong into the day.
And precisely then, the small dreaming rebel within me refuses.
He cares nothing for schedules. He resists the forward motion.
Defiance? Laziness? Refusal?
No — something gentler: a playful curiosity, an innocent delight in the tiny details now brushing against my fingertips.
And in that hesitation, the fabric deepens. Light gains gravity. Colors begin to exist beyond their names. A texture emerges that I can somehow feel without touching. The hidden abundance of the moment slowly unfolds.
What moments ago was merely a curtain becomes a landscape of waves and light, a living surface where delicate shades of white, gray, and an almost unreachable blue dissolve into one another and return again, as though born from the same breath. And suddenly the cloth no longer seems like something hanging between myself and the day, but rather the very place where everything I had so impatiently tried to separate quietly meets.
Here, within this seeming in-between, there is neither yesterday nor tomorrow. And I realize how little is needed — only this brief, rebellious pause — for unnoticed pressure to transform into conscious presence.
And within that realization lies another truth: that this richness cannot be preserved, cannot be possessed, is neither promise nor destination, but exists entirely and sufficiently within this one fleeting now.
Had I simply pulled the curtain aside, I would have seen the day, certainly — but this moment, this quiet shift, this sudden illumination within the ordinary, would have passed me by.
And if this were the final morning — how much weight would this single moment have carried then?
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